Gastbeitrag von Annette Günther
Der Sinn einer Zeitkapsel liegt darin, Gegenstände, Botschaften und Dokumente aus der Gegenwart gezielt für die Zukunft aufzubewahren.
Sie dient als greifbare Brücke zwischen Generationen, um den Alltag, die Kultur und das Lebensgefühl einer bestimmten Epoche festzuhalten und späteren Findern oder dem eigenen Ich einen Einblick in die Vergangenheit zu geben.
Im Turmknopf der im Jahre 1879 erbauten Kirche zu Klings befindet sich auch eine solche Zeitkapsel. Bestück mit vielfältigen Erinnerungsstücken in Schriftform, Zeitungsartikeln, Fotos und vielem mehr.
Bis heute wurde der Turmknopf inklusive Zeitkapsel und Wetterfahne dreimal abgenommen und auf dem Kirchturm Klings wieder angebracht.
Am 18. Juni 1958, also 79 Jahre nach der Einweihung der neu erbauten Kirche waren wegen dem dritten Kirchenbrand 1948 Reparaturarbeiten am Kirchturm notwendig gewesen.
Auch der Turmknopf sowie die Wetterfahne waren so stark beschädigt, dass Wasser in den Kirchturm eindrang und die Holzkonstruktion stark schädigte.
Roswitha Denner, damalige Schülerin des Dorfschullehrers Alex Matthes schrieb am 16. Juni 1958 folgende Zeilen für die damalige Zeitkapsel:
18. Juni 1958
Am 18.Juni 1948 brannte die Holzschnitzerei Schäfer ab. Dadurch wurde die Kirche schwer beschädigt. Am Dienstag, den 10. Juni kamen einige Dachdecker und besserten den Turm aus. Sie wollten die Kugel und die Wetterfahne herunternehmen.
Diese Kugel wurde im Jahr 1879 auf den Kirchturm gebracht. Nächstes Jahr wären es 80 Jahre geworden. In der Kugel sind viele Löcher, durch welche der regen hereintröpfelt und die Balken verfaulten. Am 13. Juni wurde die Wetterfahne heruntergeholt und am 14. Juni die Kugel.
In der Kugel befanden sich einige wertvolle Zeitschriften, welche Herr Matthes mit nach Hause genommen hat, um si zu entziffern. Diese Schriften stammen von 1879. Wenn die Kugel fertig ist, werden wir auch Schriften hineintun, welche aus unserer Gegenwart stammen. Am 18. Juni 1958 soll die Kugel und die Wetterfahne wieder auf den Turm kommen.
Die 2 Dachdecker stammen aus Meiningen. Der Kleinere klettert bis in die Turmspitze. Da wird man unten bald schwindlig. Aber des Schieferdeckers Reich ist nun einmal zwischen Himmel und Erde.
Im Mai 1974 wurden aufgrund der Neubeschieferung des Kirchturmes ein zweites Mal die Turmzier abgenommen. Der Turmknopf sowie die Wetterfahne mussten neu angefertigt werden.
Der damalige Pfarrer Hartmut Sorge, des Kirchspiels Fischbach, Diedorf, Klings verfasste für die Zeitkapsel am 7. Juni 1974 folgende Zeilen:
Ev.-luth.Pfarramt
Fischbach/Rhön
Kirchgemeinde Klings
Im Mai 1974 musste wegen Schäden an der Beschieferung der Kirchturm neu gedeckt werden. Die Arbeiten nahm die Firma Erdnuß aus Zells- Mehlis mit 4 Dachdeckern am 4. Mai 1974 in Angriff, Sie wurde in Wochenendeinsätzen jeweils samstags ausgeführt. Voller Spannung wurde das Abnehmen des Turmknopfes erwartet.
Jeder wollte wissen, was er für Dokumente und ähnliches aus früherer Zeit enthielt. Wir vervollständigen und erweitern den Inhalt des Turmknopfes mitdiesem Schreiben. Neu am Kirchturm ist die Vergoldung des Knopfes und der Wetterfahne.
Es musste ein neuer Knopf angefertigt werden, da der alte unbrauchbar geworden war. Es ist ein Kupferknopf, der mit Blattgold überzogen ist. Das gleiche gilt von der Wetterfahne.
Sie wurde aus Kupferblech von Klempnermeister Griesmann aus Klings angefertigt und dann zusammen mit dem Knopf von Malermeister Hollmann aus Wallbach bei Walldorf vergoldet.
Alles ist sehr schön geworden und wird nun weithin über Klings leuchten. Kirchlich gesehen leben wir in einer Zeit des Umbruchs und Umdenkens auf allen Gebieten, Die Zeiten der Volkskirche sind endgültig vorüber auch hier in der Rhön, die bisher noch als das volkskirchlich intakte Gebiet Thüringens galt.
Wer heute und in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Christ ist, ist es bewusster als früher. Die Teilnehmer am Gottesdienst sind weniger geworden. Wir müssen uns auch hier an kleine Zahlen gewöhnen. Erfreulich ist die fast 90 % Teilnahme der Kinder am Christenlehre- und Konfirmandenunterricht.
Einfach ist es für die Eltern und die Kinder nicht, da die Schule in ganz starkem Maße auf die sozialistische Erziehung ausgerichtet ist, das heißt man will die Abwendung von Kirche und Glauben schon bei den Kindern erreichen.
Konfirmation will man durch Jugendweihe ersetzen, Taufe durch sozialistische Namensgebung und Trauung durch sozialistische Eheschließung.
Gesamtkirchlich ist die Lage so, dass sich die lutherischen Kirchen in der Deutschen Demokratischen Republik zu einem gemeinsamen Kirchenbund zusammengeschlossen haben und die Trennung von den Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland vollzogen haben (die äußere Trennung!). Im Augenblick sind große Veränderungen im Nebeneinander der deutschen Staaten im Gange.
Zwischen beiden deutschen Staaten wird um die Schaffung normaler völkerrechtlicher Beziehungen gerungen, nachdem beide deutschen Staaten gleichberechtigt als Mitglieder in die Vereinten Nationen aufgenommen wurden.
Schwierig sind solche Verhandlungen dadurch, dass mitten durch Deutschland eine Grenze geht, die gleichzeitig Grenze zwischen zwei Weltlagern und Machtblöcken ist.
Auf der einen Seite das sozialistische Lager und auf der anderen Seite das kapitalistische Lager. Es sind im Augenblick aber in der ganzen Welt Bestrebungen im Gange, sich näher zu kommen und miteinander zu verhandeln. Der Schreiber dieser Zeilen ist seit November 1965 Pfarrer in diesem Kirchspiel.
Es ist seine erste Pfarrstelle und er fühlt sich wohl und gedenkt, noch einige Jahre hier zu bleiben. Die Gemeinde Klings ist sehr aufgeschlossen, wie überhaupt der Menschenschlag der Rhöner sehr warmherzig und freundlich ist, auch wenn das im ersten Augenblick nicht zu erkennen ist.
Zum Gemeindekirchenrat gehören im Augenblick folgende Gemeindeglieder; Erwin Wagner, Erich Fleischmann, Rudolf Wagner, Edwin Bley, Gisela Wagner, Lene Berk, Adolf Hartmann und Norbert Möller. Den Orgeldienst versieht Ernst Krämer, der aus Diedorf stammt und jetzt in Klings verheiratet ist.
Die Stelle des Küsters wird ausgefüllt von Elli Schlotzhauer, ihr Mann Willi Schlotzhauer kümmert sich um das elektrische Geläute. Der Kirchenchor wird geleitet von Erwin Wagner. Gleichzeitig mit der Reparatur des Turmes wird die Neubeschieferung des Apsisdaches vorgenommen, da es schadhaft ist und Regenwasser in das Gewölbe der Apsis eindringt.
Fischbach/Rhön, am 7. Juni 1974
Hartmut Sorge, Pfarrer
Juni 2026
Die Holzkonstruktion des Dachstuhls des Kirchturms Klings, welche durch den dritten Kirchenbrand am 18.Juni 1948 stark beschädigt wurde konnte zu der damaligen Neubeschieferung 1974 nicht ausgetauscht werden.
Jahrzehnte danach haben Wind und Wetter, trotz vieler Reparaturarbeiten am Kirchturm und Kirchturmdach sein Übriges am maroden Zustand des Dachstuhls dazu getan.
Die Kirchgemeinde Klings stellte ab 2017/2018 Fördermittelanträge für die wichtige und notwendige Sanierung. Heute, fast zehn Jahre später hat die Kirchgemeinde Klings dank eines angetretenen Erbes die Baumaßnahme beginnen können. Am 3. Juni 2026 wurde der Turmknopf sowie die Wetterfahne ein drittes Mal abgenommen.
Während des feierlichen Gottesdienstes am 14.06.2026 wurde die Zeitkapsel unter allen anwesenden Gästen geöffnet. Viele Zeitdokumente von 1879 – 1974 konnten öffentlich gesichtet werden.
Und wenn man manche Zeilen des damaligen sehr geschätzten Pfarrers Hartmut Sorge mit Heute vergleicht, dann könnte man fast denken es ist alles so geblieben.
Denn hier schreibt Herr Pfarrer Sorge u. a. Kirchlich gesehen leben wir in einer Zeit des Umbruchs und Umdenkens auf allen Gebieten. Die Zeiten der Volkskirche sind endgültig vorüber auch hier in der Rhön, die bisher noch als das volkskirchlich intakte Gebiet Thüringens galt. Wer heute und in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Christ ist, ist es bewusster als früher.
Die Teilnehmer am Gottesdienst sind weniger geworden. Wir müssen uns auch hier an kleine Zahlen gewöhnen. Erfreulich ist die fast 90 % Teilnahme der Kinder am Christenlehre- und Konfirmandenunterricht.
Alle Zeitdokumente wurden zwischenzeitlich archiviert. Und da die „Alte Zeitkapsel“ mit vielen wissenswerten und geschichtlichen Informationen prall gefüllt war, hat sich der Gemeindekirchenrat Klings dafür entschieden eine „Neue Zeitkapsel“ anfertigen zu lassen.
Unterstützung erhielt die Kirchgemeinde durch Enrico Heim und Stephan Schmidt, beide Geschäftsführer der E. Heim Bedachung GmbH aus Kaltennordheim.
Sie fertigten nicht nur die Zeitkapsel in Handarbeit an, sondern spendeten diese auch der Kirchgemeinde Klings, wofür wir uns herzlichst auf diesem Wege bedanken möchten.
Diese wird in den kommenden Wochen mit neuen Zeitdokumenten und zeittypischen Dingen für die nachfolgende Generation befüllt. Auch hier gilt unser Dank an die Stadt Kaltennordheim für die tatkräftige Unterstützung.
Der Turmknopf sowie die Wetterfahne sind zwischenzeitlich durch Restauratorin Birgit Jünger neu restauriert und vergoldet.
In einem Gottesdienst, welcher noch zeitnah bekannt gegeben wird, können die zwei gefüllten und verschlossenen Zeitkapseln sowie der Turmzier noch einmal in aller Nähe betrachtet werden, bevor sie den Segen für die kommenden Jahrzehnte erhalten.
Für das Anbringen der neu restaurierten Turmzier auf den Kirchturm Klings wird ein zusätzlicher Tag festgelegt und bekannt gegeben. Hier sind alle Interessenten herzlich dazu eingeladen, die Auffahrt des Turmknopfes inklusive Aufbewahrung der Zeitkapseln im Turmknopf sowie das Anbringen der Wetterfahne in Richtung Himmel verfolgen zu können.
So dient die Wetterfahne nicht nur als Windrichtungsgeber, sondern ruft Gläubige zur Wachsamkeit und Aufrichtigkeit auf und sich an Gottes Wort zu orientieren.












